Die künstlerischen Avantgarden und der Vortizismus.

Die künstlerischen Avantgarden und der Vortizismus.

— von Yala Spiegel, M.A.

Der Begriff Avantgarde (französisch für „Vorhut“) bezeichnet jene künstlerischen Bewegungen, die seit dem späten 19. und insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen radikalen Bruch mit den bis dahin traditionellen Kunstauffassungen vollzogen. Während die akademische Kunst lange Zeit an den Idealen der Naturnachahmung, der perspektivischen Darstellung und der harmonischen Komposition festhielt, suchten die Avantgarden nach neuen Ausdrucksformen, die den tiefgreifenden gesellschaftlichen, politischen und technischen Veränderungen ihrer Zeit gerecht werden sollten. Industrialisierung, Urbanisierung, wissenschaftliche Innovationen und die Erfahrung des Ersten Weltkriegs führten zu einem grundlegenden Wandel des Weltbildes und damit auch zu einem neuen Verständnis von Kunst.

Die künstlerischen Avantgarden knüpften an Entwicklungen des 19. Jahrhunderts an, etwa an den Impressionismus und den Postimpressionismus, gingen jedoch weit über deren Erneuerungsbestrebungen hinaus. Im Mittelpunkt stand nicht mehr die möglichst naturgetreue Wiedergabe der sichtbaren Welt, sondern die Erforschung neuer Bildkonzepte und künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten. Bewegungen wie der Expressionismus, der Kubismus, der Futurismus, der Dadaismus und der Surrealismus entwickelten jeweils eigene ästhetische Strategien: Sie lösten Formen auf, experimentierten mit Perspektive, Farbe, Sprache und Material oder stellten die Grenzen zwischen Kunst und Alltag bewusst infrage.

Wyndham Lewis, Workshop, 1914, Öl auf Leinwand, 76,5x61cm, Tate, London. (Bildquelle: https://www.tate.org.uk/art/artworks/lewis-workshop-t01931) 

Eine der weniger bekannten Ausprägungen solcher avantgardistischer Kunstbewegungen ist der Vortizismus. In der Historiografie um die Avantgarden wird diese nur kurzlebige Künstlergruppe selten genannt und oft vergessen. Der Vortizismus formierte sich in den Jahren 1914 und 1915 in London um deren Gründerväter den Maler Wyndham Lewis und den Schriftsteller Ezra Pound. Da nur kurze Zeit später der Erste Weltkrieg ausbrach, gingen viele ihrer Werke verloren oder wurden zerstört, sodass sich heute nur wenige vortizistische Werke in den Museen finden. Bei den wenigen Werken, die noch erhalten sind, handelt es sich zum Großteil um Skizzen und kleine Gouache-Arbeiten, große Ölgemälde gibt es kaum.

Die Bildsprache des Vortizismus zeichnet sich durch harte, klare und konstruierte Linien aus, wobei sie nicht länger das Ziel verfolgt, eine Wirklichkeit abzubilden, sondern versuchte, mit Linie und Fläche eine dynamische Wirkung zu erzielen. Hierbei orientierten sich die Künstlerinnen und Künstler an der urbanen und mechanisierten Welt des frühen 20. Jahrhunderts und befürworteten den technischen Fortschritt, den die Zeit um die Jahrhundertwende mit sich brachte.

anne, Barnett Newman, Clyfford Still, Mark Rothko.

Wyndham Lewis, Composition, 1913, Tinte, Wasserfarbe, Gouache und Graphit auf Papier, 34,2x26,7cm, Tate, London. (Bildquelle: https://www.tate.org.uk/art/artworks/lewis-composition-n05886) 

Den Anhängern des Vortizismus war ganz besonders daran gelegen, sich von den zentraleuropäischen Avantgardebewegungen abzugrenzen und zu betonen, dass sie sich von Futurismus, Kubismus und Expressionismus deutlich unterschieden. Um dies auch öffentlichkeitswirksam einem breiten Publikum zu verdeutlichen, publizierte Wyndham Lewis sowohl 1914 als auch 1915 eine Ausgabe des Magazins ›BLAST‹. Hierin finden sich nicht nur literarische Texte und Illustrationen vortizistischer Werke, sondern auch das vortizistische ›Manifesto‹ unter welchem sich die Signaturen von zwei Künstlerinnen und neun Künstlern finden und in dem sie eine neue, harte und explizit englische Kunst forderten.

Besonders bemerkenswert ist, dass sich mit den Unterschriften von Helen Saunders und Jessica Dismorr zwei weibliche Künstlerinnen zu einem avantgardistischen Manifest bekennen. Seit dem futuristischen Manifest, das 1909 von Filippo Tommasi Marinetti veröffentlicht wurde, wird das Mittel des Manifests beinahe inflationär als Kommunikationsmedium der Avantgarden verwendet. Ihre Kunstwerke wichen so weit vom tradierten Kunstgeschmack ab, dass sie einer zusätzlichen Erklärung bedurften. Keines dieser Manifeste wurde jedoch von weiblichen Künstlerinnen unterzeichnet.

Magazin Cover, Blast I & Blast II, 1914 & 1915. (Bildquelle: https://hausofclaires.wordpress.com/wp-content/uploads/2014/10/blastmagazinewarnumber.jpg) 

Indem sich heute vereinzelt Wissenschaftlerinnen und Kunsthistoriker mit der wenig bekannten Bewegung dieser frühen Vorkriegsavantgarde beschäftigen, leisten Sie einen Beitrag entgegen dem Vergessen ganzer Kunstbewegungen und decken neue Blickwinkel auf, unter welchen die Kunst betrachtet und erforscht werden kann.

Obwohl zahlreiche avantgardistische Strömungen, wie auch der Vortizismus, nur wenige Jahre bestanden, veränderten sie die Kunstgeschichte nachhaltig. Sie erweiterten den Kunstbegriff, hinterfragten tradierte Sehgewohnheiten und legten den Grundstein für zahlreiche Entwicklungen der Moderne und der Gegenwartskunst. Die Auseinandersetzung mit den Avantgarden gehört daher bis heute zu den zentralen Themen der Kunstgeschichte und Kunstwissenschaft.


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